Artikelformat

Die Bahn kommt

Die arbeitsvertragliche Verpflichtung einiger meiner Kollegen und mir, in regelmäßigen Abständen am sogenannten „Service 24h“ der DaimlerChrysler AG (zukünftig wohl nur noch Daimler AG), oder besser gesagt deren Tochter, Mercedes Benz, teilnehmen zu müssen, führte in der Vergangenheit mitunter zu komischen, interessanten aber auch entsetzlichen Situationen.

Mal ist es ein völlig veralteter, durch Technik- und Firlefanzeinbauten aller Art entstellter Übertragungswagen eines Kölner Privatsenders, der eben noch das Länderspiel der Deutschen Nationalmannschaft übertrug, nun aber seinen Dienst versagt, und am nächsten Tag – koste es was es wolle – unbedingt in Italien sein soll; notfalls auch aufgeladen auf einem Autotransporter. Oder die Standheizung am Tourbus eines schwäbischen Gesangsquartetts streikt und Herr D. soll ja schließlich nicht an den Klöten frieren, wenn er flugs zwischen zwei Songs die Hose wechselt. Warum er das nicht in der Konzerthalle machen kann blieb uns der Busfahrer schuldig. Ein anderes Mal fleht der bulgarische Busfahrer, die zwei einzigen ihm bekannten deutschen Wörter: „Komme schnell“!
Ein ganz heißer Kandidat für Einsätze der besonderen Art ist der Sonntag. Hier wird immer wieder gerne das totgeglaubte Wohnmobil reanimiert und zur Probefahrt geprügelt, oder auch mal nach dem Dorffest – und davon gibt es viele in dieser Gegend – der Zündschlüssel abgebrochen, oder die Karre in den Graben gefahren. Wenn dann nix mehr geht muss eben der Notdienst her.

Was mich aber erwartete, als mich während meiner letzten Bereitschaft das verhasste Notdiensthandy aus meinem sonntäglichen Phlegma riss, hatte es bis dahin bei uns noch nie gegeben.

Zur Erklärung: Die sogenannten Pannenfälle werden europaweit zentral in Maastricht erfasst und von dort auf die jeweiligen Werkstätten in Pannenortnähe verteilt. Der Notdienstmitarbeiter spricht also immer zunächst mit dem Maastrichter Kollegen und setzt sich danach mit dem Kunden in Verbindung.

Der Spargel war gerade optimal bissfest, die Kartoffeln gar und die Sauce Hollandaise fertig als besagtes Telefon piepte. (Welches Telefon klingelt heute noch?)
Maastricht kommt nicht gleich zur Sache, sondern druckst erst mit Firma, Werkstatt, Pförtner rum. Sehr verdächtig, denke ich. Schließlich lässt er die Katze aus dem Sack: In Lahr, am Bahnhof,… ich solle mich aber nicht aufregen, stünde eine,… ich müsse ja nicht zwingend,… und er weiß ja, dass das jetzt auch irgendwie blöd ist, aber da steht,… na eine Lokomotive.

„Kommt vor“, höre ich mich sagen, „das an Bahnhöfen Lokomotiven stehen“. Was das mich anginge, will ich wissen.
Nun ja, die Lok bräuchte eine Starthilfe!

Angesichts des drohenden Spargelessenausfalls und der aberwahnsinnigen Irrwitzigkeit der Situation frage ich ihn, ob er mich verarschen wolle und ob ich mich in Zukunft auch bei Stromausfällen, Rohrbrüchen aller Art und sonstigen außergewöhnlichen Vorkommnissen meiner Stadt und ihrer näheren Umgebung bereit halten soll. Frechheit!
Er wisse ja selbst, dass das jetzt alles irgendwie nicht so ganz,… aber andererseits, so eine Starthilfe sei ja nicht die Welt.
„Klar, Sie müssen ja auch nicht da hinfahren und sich lächerlich machen!“

Ich könne doch wenigstens mal mit dem zuständigen Mitarbeiter reden. Er verbände uns mal eben. Noch ehe ich überhaupt einen Widerspruch formulieren kann, habe ich Herrn K. am Ohr. Herr K. ist wirklich sehr freundlich und erklärt mir, er sei gerade irgendwo an der Isar und habe keine Möglichkeit aktiv ins Geschehen einzugreifen. Seine Monteure befänden sich in Krefeld und bräuchten mindestens sieben Stunden um vor Ort sein zu können. Die Lok müsste aber noch heute Abend da weg. Ein ganz normaler Dieselmotor sei da drin mit ganz gewöhnlicher 24 Volt-Anlage, wie in jedem besseren LKW auch.
Ich schlage ihm vor, er solle doch einfach eine zweite Lok dahinter stellen um die andere anzuschieben.
Das ginge nicht, weil es eine Hybridlok sei. Der Dieselmotor erzeuge lediglich Strom, mit dem dann die Lok angetrieben würde.

„Ah“!

Wie er sich vorstelle, das Manöver bezahlen zu wollen, will ich wissen, insgeheim hoffend, ihn damit schachmatt zu setzen. Er könne mir da sofort alles mögliche und vor allem was ich wolle schriftlich fixieren und… Ich unterbreche ihn und erkläre ihm, dass ich mir von schriftlichen Versprechungen, selbst umgehend gefaxt, nun mal nichts kaufen könne und ich ein sogenanntes Obligo (eine Zahlungsübernahmegarantie von Mercedes Benz Werkstätten untereinander) bräuchte. Hier mischt sich der dank Konferenzschaltung die ganze Zeit im Hintergrund mitgehört habende Maastrichter wieder ein. Ihn unterbreche ich ebenfalls und sage, dass er mich gerne wieder anrufen dürfe, wenn die Kostenübernahme geklärt sei.

Circa neunzig Minuten später befinde ich mich in Lahr, am Hauptbahnhof.

Die ganze letzte Zeit bin ich davon ausgegangen, dass es sich um eine Rangierlokomotive handelt. Eine von diesen „kleinen“ Dingern, die auf Güter- und Rangierbahnhöfen immer Waggons oder Zugfragmente durch die Gegend ziehen um neue Züge zusammenzubasteln. Was mich jedoch bei meiner Ankunft in Lahr erwartete, war eine ausgewachsene, achtzig Tonnen Dispolokomotive, also eine richtige Lokomotive, für Bahnfetischisten, eine ER20-009.

ER20 – 009, es war übrigens nicht nur so eine, sondern exakt die auf dem Bild. ER 20, so habe ich mir sagen lassen, sei die Baureihe, der Typ quasi, und 009 die laufende Nummer. Ab 020, so der Lokführer, seien die „Kinderkrankheiten“ beseitigt! (Bild: Dennis Hopf, www.mayershofer[..].de)

Witzigerweise ist der Mensch, der nach meiner Ankunft auf mich zukommt eine genaue Nachbildung von Lukas, Lukas dem Lokomotivführer. Nur seine Lok, die will so gar nichts mit der niedlichen Dampflok Emma gemeinsam haben. Sie pfeift nicht mal.

Nachdem wir uns vorgestellt haben – er heißt ganz normal und sächselt leicht, schade – lässt er erwartungsvoll mit den Daumen die Hosenträger seiner Breitcordhose an seinen Oberkörper schnalzen. Als ich aber mein Starthilfegerät aus dem Auto lade erkenne ich in seinen Augen einen ungläubigen Ausdruck.
„Da ist doch ein Dieselmotor drin? Mit 24 Volt-Anlage?“, versichere ich mich. Lukas nickt.
„Was denn der Starthilfekoffer so draufhabe“, will er wissen. Ich grinse und zitiere den Kaiser: „Schaun mer mal!“

Dass ich mir mit meinem Starthilfekoffer vorkomme, als wolle ich mit einem Tauchsieder einen mittleren Baggersee in ein beheiztes Freibad verwandeln, sage ich ihm nicht.

Er frage nur, wegen der Vorwärmerei, fügt er noch an.

„Vorwärmerei?? Sie meinen doch wohl das Vorglühen, oder?“
„Nein, nein, um die Lokomotive überhaupt starten zu können, muss die Temperatur des Kühlwassers mindestens 38 Grad betragen“, erklärt er mir. Aus dem mittleren Baggersee ist gerade der Bodensee geworden denke ich und sage: „Ah!“

Auf die Frage nach den Batterien kommt der nächste Hammer. „Ja da kommen wir nicht dran, die sind auf der anderen Seite und die Lok steht an einer Rampe.“
„Und jetzt?“
„Ich hab die Klappe hier schon mal aufgemacht. Das sind die Transistoren!“
„Transistoren??!!??“
Er zeigt auf zwei obstkistengroße Bauteile ohne jegliche Beschriftung mit mehreren dicken, schwarzen Kabeln dran: „Die da!“

Ich will mit meinem Köfferchen gerade auf dem Absatz kehrt machen, weil ich mir eine abgefackelte Dispolokomotive vom Typ ER20 einfach nicht leisten kann, als ich Lukas sagen höre: „Keine Panik, ich hab den Siemens-Techniker am Telefon!“
In Gedanken lese ich schon die Schlagzeile: „Größenwahnsinniger Notdienstmechaniker macht Lahrer Bahnhof dem Erdboden gleich!“

„Siemens-Techniker?“
„Hier bitte“. Und schon habe ich ein Handy am Ohr und ein Mann sagt: „Guten Abend“.
„Ja Hallo erstmal.“
Meine Bedenken verwirft der Siemens-Mensch sofort und bittet mich, doch mal in die Lok hinein zu gehen.
Ich klettere in den Führerstand der Lokomotive – eigentlich ein Kinder- wenn nicht sogar ein ewiger Männertraum – und komme durch eine weitere, schmale Tür in den Maschinenraum der Lok. Im E-Werk kann es nicht anders aussehen. Lukas hat bereits unten am Schaltschrank eine Klappe geöffnet. Am Handy höre ich den Siemens-Techniker sagen: „Sehen Sie da unten die Kabel?“
„Sie meinen die schwarzen Rohre, die da aus dem Boden kommen?“
„Ja, die vier 120-Quadrat-Kabel“
„Ja, sehe ich!“
„Also, P24-1 und M24-1, das sind Ihre“
„P für Plus und M für Minus“, mutmaße ich, „ganz schön clever“
„Genau“, sagt Siemens.
„Und da kann ich meinen Starthilfekoffer anschließen?“
„Ja!“
„Auf wiederhören!“
Als ich die Kabel meines Starthilfegerätes anschließe wird es tatsächlich hell in der Lok.
Wir wärmen vor.

Auf die Frage, wie lange das ungefähr dauern wird, antwortet Lukas: „Ach, so 20 bis 30 Minuten!“ Ich glaube ich hatte den Bodensee zu klein in Erinnerung.

„Und wie erfahren wir, wann das Kühlwasser soweit ist“, will ich wissen.
„Ja dazu muss ich den Rechner hochfahren!“
„Den Rechner hochfahren? Gibt’s da nirgends einfach ne ganz normale Anzeige?“
„Nein!“

Als Lukas nach geschätzten 20 Minuten den Rechner hochfährt, bricht die Bordspannung erwartungsgemäß ein, erholt sich aber zu meiner Überraschung sofort wieder. Was ich aber dann auf den Monitoren im Führerstand sehen muss verschlägt mir die Sprache.
Der Linke Monitor verfärbt sich in ein mir bekanntes Blau und ich lese ungläubig die Worte: „Windows wurde zuvor nicht richtig beendet! Beenden Sie Windows immer mit…“
„Die Lok fährt nicht wirklich mit Windows, oder?“
„Doch!“
„Alle?“
„Im Prinzip, ja!“

Ich unterdrücke mein Entsetzen und stelle mir vor, wie sich im ICE bei 370 rekordverdächtigen Kilometern pro Stunde und dem nahenden Sackbahnhof vor Augen, plötzlich der Bildschirm blau verfärbt und sich das Betriebssystem, mit dem Hinweis auf einen schweren Ausnahmefehler an irgendeiner kyrillischen Adresse und die Notwendigkeit eines Administratorkontakts, verabschiedet.
So teuer kann Autofahren gar nicht werden…

„Ich wär’ dann soweit“ dringt es an mich heran.
Einen sicheren Misserfolg vor Augen dämpfe ich noch mal kurz die Erwartungen um dann zustimmend zu nicken. Lukas betätigt eine Unzahl wichtiger Knöpfe. Gebannte Spannung!

Eine moderne Lokomotive hat natürlich keinen Zündschlüssel mehr. Vielmehr geht da alles automatisch – sofern man ausreichend Strom hat wenigstens. Eine Navigationssystemfrauenstimme erklärt während des Startvorgangs die einzelnen, ca. dreißig Kontrollschritte. In unserem Fall beschränkt sie sich allerdings auf eine Endloswiederholung des Wortes „Störung“ !

Schließlich schafft Lukas es aber doch dem System eine Startfreigabe abzuringen. Wäre ja auch gelacht, ist ja schließlich Windows. Alle Test O.K.

Der Dieselmotor springt an – unglaublich.
Ich klemme den Starthilfekoffer ab und die Lok geht wieder aus. Lukas flucht, ich staune.
„Die braucht doch immer ca. ein, zwei Minuten, bis der Generator läuft!“, erklärt er mir leider zu spät.
An eine Wiederholung mit dem Starthilfekoffer ist nicht mehr zu denken – leer!

Also schleppen wir auch noch die zwei Starthilfebatterien, die ich für Notfälle noch im Auto habe, ebenfalls in den Führerstand.

Dann geht alles ganz fix. Rechner hochfahren, viele Knöpfe drücken, gebannt warten und dann läuft er, der 16 Zylinder V-Motor. Ich warte artig, bis Lukas mir bedeutet, dass es soweit ist. Ich klemme ab. Die Lok läuft. Lukas strahlt. Die Bahn kommt! Notfalls auch mal dank des wunderbaren Service 24h von Mercedes Benz!

Irre!

 

 

Ähnliche Beiträge:

3 Kommentare

  1. Pingback: Die Bahn kommt | FrankOli.de | Stadtmobil

  2. Pingback: Alt aber gut: die Bahn fährt mit Windows » u1amo01

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.