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Google Street View und die Deutsche Politik

Ist Google böse?

Google Street View FrankreichGoogle, der Internet-Gigant der so sympathisch mit aus LEGO-Bausteinen gebauten Server-Gehäusen und dem Motto „Don’t be evil“ angefangen hat, hat sich der dunklen Seite zugewandt. Eindeutig. Google will uns alle permanent filmen, fotografieren und „ins Internet stellen“. Schon die ganze Woche wird über Google Street View diskutiert und geschrieben. Eigentlich war ich da ziemlich leidenschaftslos und wollte mich gar nicht dazu äußern. Aber wenn man liest, wieviel Halbwahrheiten und Schwachfug da über die Offline-Medien verbreitet werden, dann kann man nur schwer stillhalten.

Es geht niemanden etwas an, wo ich wohne!

Nachdem in der hiesigen Lokalpresse gestern nahezu die komplette Seite mit dem Thema Street View und wie man sich dagegen wehren kann belegt war, hat man heute kurze Interviews mit Passanten zu dem Thema veröffentlicht. Da wird z.B. Georg H., ein 52-jähriger Offenburger Altenpfleger, mit den Worten zitiert:

Ich finde es furchtbar, was da abläuft! Wen geht es etwas an, wo ich wohne und wie meine Wohnung aussieht?

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© por::el::sol

Lieber Herr H. (wer den vollen Namen wissen will, muss nur in den Lokalteil des heutigen Offenburger Tageblatts schauen), ich verrate Ihnen jetzt mal was. Ich weiß, wo Sie wohnen. Ich kenne auch Ihre Telefonnumer. Ausserdem ist mir bekannt, dass der Grundstückswert in Ihrer Gegend, einem allgemeinen Wohngebiet, bei 155 Euro pro Quadratmeter liegt und eine Bebauung mit bis zu 0,8 Quadratmeter Wohnfläche pro Quadratmeter Grundstück vorgesehen ist. Es handelt sich also nicht um Wohnsilos aber eine Villengegend ist es wohl auch nicht. Luftbilder Ihres Viertels und – ja wirklich – Ihres Hauses kann ich mir auch anschauen. Für all das benötige ich Google gar nicht. Das Telefonbuch und die Website der Stadt Offenburg genügen da völlig – zur Not komme ich an diese Informationen auch offline.

Wie Ihre Wohnung aussieht, weiß ich jetzt aber immer noch nicht. Das wüsste ich aber auch nicht, wenn Ihr Haus in Google Street View zu sehen wäre – außer natürlich, es sieht so aus, wie das Haus rechts. Einblick in Ihre Wohnung erhalten wir erst, wenn Google Home View startet.

Gefährliche Technologie

Sylvia S., Krankenschwester aus dem Havelland hält

diese Technologie für gefährlich, da die Privatsphäre der Bürger immer transparenter wird. Die Grenze wird damit überschritten – unbeobachtet kann man offenbar nichts mehr machen!

Video Recording

Permanente Video-Überwachung

Sehr geehrte Frau S., die Straße vor Ihrem Haus war noch nie Teil Ihrer Privatsphäre. Sie ist Teil des öffentlichen Raumes. Auch der Blick auf die Hausfassade ist jedem erlaubt. Außerdem fährt ein Google-Auto kurz an Ihrem Haus vorbei und macht dabei ein paar Fotos. Das ganze dauert Sekunden, danach wird Google für lange Zeit (Vermutlich Jahre) keine Aufnahmen dieses Gebäudes mehr machen. Es handelt sich um eine Momentaufnahme, mehr nicht. Sie werden nicht beobachtet. Weder Google noch sonst jemand filmt sie permanent. Außer vielleicht Ihr Nachbar der womöglich sein Haus mit Kameras gesichert hat, um Bösewichte abzuschrecken. Oder auch staatliche Institutionen bzw. vom Staat beauftragte Sicherheitsdienste. Und das ist von der Mehrheit in Deutschland so gewollt.

Angst durch Unwissenheit

Warum kocht nun der Volkszorn wegen Google Street View dermaßen hoch? Doch nur wegen der weit verbreiteten Unwissenheit zu dem Thema. Belegt wird das zum Beispiel durch die vier Düsseldorfer Rentner, über die die Rheinische Post berichtete. Sie ließen sich interviewen, berichteten dass sie auf jeden Fall die Einspruchmöglichkeit nutzen werden und ließen sich vor Ihren Häusern fotografieren. Und dieses Bild wurde nun unter anderem auch auf dem Online-Portal der Rheinischen Post veröffentlicht. So etwas macht natürlich im Internet schnell die Runde. Die vier besorgten Rentner wurden zum Gespött der sogenannten Internet-Gemeinde weil nun nicht nur die Fassaden ihrer Häuser im Netz sind, sondern auch noch gleich Fotos und Namen der Besitzer.

Auch bei der Polizei gibt es offensichtlich Lücken im Wissen um die Technik. So schrieb zum Beispiel die FAZ:

Bei der Polizei wird die Entwicklung mit Sorge gesehen. „Durch den neuen Internetdienst können Kriminelle die Objekte in aller Seelenruhe betrachten. Sie können sehen: Wie ist das Haus gesichert?“ sagte der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft Rainer Wendt der F.A.S. Gleichzeitig hegt er Zweifel, ob die neuen Möglichkeiten umgekehrt auch von der Polizei genutzt werden können: „Es ist rechtlich unklar, ob eine virtuelle Streifenfahrt möglich ist.

Eine virtuelle Streifenfahrt durch mehrere Monate alte Bilder kann nicht sinnvoll sein, ob rechtlich erlaubt oder nicht. Oder ich habe den Sinn von Polizeistreifen grundlegend missverstanden.

Google und unsere Politiker

Da viele Menschen in Deutschland verunsichert sind, springen auch einige Politiker auf diesen Zug auf und fordern teilweise ein schnelles Eingreifen des Gesetzgebers, der Begriff der „Lex Google“ macht die Runde. Der Datenschutz wird bemüht, man wirft Google Eingriff in die Privatsphäre vor. Einige Politiker wollen auf alle Fälle Ihre Häuser ausblenden lassen.

Das ist ja alles in Ordnung. Kann ja jeder machen. Aber ich möchte doch darum bitten, dass diejenigen, die am 9. November 2007 für das „Gesetz zur Neuregelung der Telekommunikationsüberwachung und anderer verdeckter Ermittlungsmaßnahmen sowie zur Umsetzung der Richtlinie 2006/24/EG“ gestimmt haben, keinen Einspruch gegen Veröffentlichung von Fotos ihrer Wohnungen bzw. Häuser einlegen. Wer fordert, alle Telefonverbindungen, eMails und IP-Adressen zu protokollieren – auf Vorrat, einfach so, ohne Verdacht –  der muss auch von den Briefzustellern verlangen, dass Protokoll darüber geführt wird, wer wem wann einen Brief schreibt. Falls der Absender nicht von aussen zu erkennen ist, muss der Brief zum Zwecke der Absenderermittlung geöffnet werden.

Auf den Punkt gebracht hat das Anatol Stefanowitsch auf wissenslogs.de:

An dieser Debatte sind zunächst Politiker beteiligt, die nichts dabei finden, detaillierte Flugpassagierdaten oder Informationen über den innereuropäischen Zahlungsverkehr an die US-Geheimdienste zu schicken, die nichts dabei finden, zentralisiert erfasste lebenslang gültige Steuernummern einzuführen, die ernsthaft vorhaben, Schadsoftware auf die Rechner „verdächtiger“ Personen zu schmuggeln um deren Festplatten auszulesen, die uns biometrische Pässe aufzwingen, weil die Regierung eines anderen Landes das fordert und die in Zukunft per „De-Mail“ mit uns kommunizieren wollen und uns dafür zwingen, privaten Firmen wie United Internet oder der Telekom unsere Personalausweisdaten zu übergeben. Für die dürfte die Diskussion um die Verletzung der Privatsphäre durch Google, Facebook und das böse Internet dazu dienen, von ihrem eigenen schwach entwickelten Respekt vor allem Privaten abzulenken.

Mein Fazit zu Google Street View

Das größte Problem bei Google Street View ist die fehlende Aufklärung der Bevölkerung. Dass das Ängste hervorruft ist klar, aber statt diese diffusen Ängste noch zu schüren, sollten Presse und Politik lieber Aufklärungsarbeit leisten.

Google hat aus Datenschutzsicht bestimmt keine weiße Weste. Aber Google Street-View halte ich für das kleinste Problem. Durch die weit verbreitete Nutzung von Google AdSense und Google Analytics auf nicht-Google-eigenen Websites kann Google ein recht gutes Bild vom Surfverhalten eines Nutzers bekommen, auch wenn dieser sich nicht mit einem Google-Konto anmeldet. Mit diesen Informationen kann Google nun gezieltere und damit effektivere Werbung schalten. Und nur darum geht es dem Internet-Konzern.

Und denen, die darüber jetzt erschrocken sind verrate ich noch etwas: Das tun auch andere, nur sind die nicht so bekannt.

UPDATE: Das sieht wohl auch Claudius Seidl in der FAZ so ähnlich.

UPDATE II: Auch Stefan Niggemeier scheint entsetzt über die Ahnungslosigkeit der Bevölkerung in Sachen Street View und die Rolle der Presse dabei.

Weiterer Lesestoff

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6 Kommentare

  1. Bravo, Punktlandung!

    Nachdem beim Einkaufen mit Kreditkarte bezahlt, der freundlichen Baumarktkassiererin noch schnell die eigene Postleitzahl verraten, und dann noch über mit Kameras überwachte Plätze gelaufen wurde, regt man sich darüber auf, dass jemand die eigene Wohngegend knipst. Dummheit macht Quote, womit wir wieder bei den Medien wären.

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