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Atomkraft – Brückentechnologie im Zusammenbruch?

Als hätte man jahrzehntelang gegen die Wand geredet

Eins ist sicher - Deutsche Atomkraft

Eins ist sicher - Deutsche Atomkraft

Man könnte wahnsinnig werden, wenn man sich dieser Tage ernsthaft mit der deutschen Politik, ihren Vertretern und vor allem deren Aussagen zum Thema Kernenergie beschäftigt. Wir erinnern uns:

Der bereits beschlossene Atomausstieg wird vom Konzernchefliebchen Merkel kurzerhand rückgängig gemacht, und die Laufzeiten der deutschen Atomkraftwerke um im Durchschnitt 12 Jahre verlängert. Dies alles gegen großen innenpolitischen Druck und vor allem gegen zum Teil erhebliche Sicherheitsbedenken, gerade im Bezug auf die älteren Meiler.

(Bedenken 1, Bedenken 2 )

“Wer den Sumpf austrocknen will, darf nicht die Frösche fragen“!

Entgegen diesem Motto verwarf Frau Merkel die Bedenken kurzerhand, und ließ sich von Seiten der vier großen Energieversorger, bzw. deren Vorständen, versichern, dass die Sicherheit der deutschen AKWs gewährleistet sei, man sie aber sowieso sukzessive überprüfen und ggf. reparieren wolle. Außerdem wäre eine Laufzeitverlängerung auch nötig, um die Strompreise stabil halten zu können, so die Stromerzeuger sinngemäß. Was auch immer das heißen mag.

Zulassung jetzt – Prüfung später

Man stelle sich vor, im Bereich der Kfz-Zulassung, der Zulassung von privaten Feuerstellen und Heizungsanlagen, dem Erstellen von Betriebserlaubnissen etc. würde ähnlich verfahren.
Man bekäme eine Genehmigung, nur weil man in Aussicht stellt, seine Anlage, Fahrzeug oder was auch immer irgendwann mal überprüfen und ggf. instandsetzen zu lassen, falls dies einen bestimmten Betrag nicht übersteige. Ansonsten müsse sich der Genehmigungsgeber an den Kosten beteiligen.

Und wo lagern wir noch mal den ganzen Atommüll?

Biblis

AKW Biblis

Jetzt haben wir das Thema Endlagerung noch gar nicht angesprochen und sind schon an einem Punkt, an dem man sich ernsthaft fragen muss, was das eigentlich soll, das mit der Laufzeitverlängerung. Stattdessen wird gebetsmühlenartig wiederholt, dass unsere AKWs sicher seien, obwohl Experten immer eindringlicher vor dem Betrieb gerade der älteren Anlagen warnen.

(Allein im AKW Biblis gab es seit der Inbetriebnahme 1974 insgesamt knapp 840 meldepflichtige Störfälle, davon einer, 1987, kurz nach Tschernobyl, bei dem es um Haaresbreite zu einem GAU gekommen wäre. Weltweit gibt es 443 (!) betriebene Kernkraftwerke, Stand 2009)

Einfach toll - Frau mit Frisur

Tschernobyl 1986

In Finnland wird derzeit an einem neuen AKW gebaut, welches in Punkto Sicherheit neue Maßstäbe setzen soll. Kaum vorstellbar, dass die ungeheuren Summen hierfür nicht hätten sinnvoller eingesetzt werden können.

Die Fiktion wird Realität – Das realexistierende Restrisiko

Und jetzt tritt es tatsächlich ein, das sogenannte Restrisiko. In Japan bebt zunächst die Erde, was eine Flutwelle auslöst, die weite Teile des Landes verwüstet und die Stromversorgung massiv beeinträchtigt. Dadurch kommt es in mehreren japanischen Reaktoren zu Störfällen, deren Ausmaß zunächst noch niemand abschätzen kann. Spekulationen reichen von „leicht erhöhte Radioaktivität“ bis zu Kernschmelzen, womöglich mehrfach.

„Ich glaube, dass Japan generell alles ändert, auch bei mir[..]“

Vor dem Hintergrund der japanischen Atomkatastrophe und den hierzulande immer größer werdenden Protesten gegen Kernenergie, hört man deutsche Politiker jetzt Sätze sagen wie:
„Ich glaube, dass Japan generell alles ändert, auch bei mir. Wir müssen jetzt unsere Position noch mal grundlegend hinterfragen.“ (Markus Söder, CSU gegenüber dem BR)*

Anm.:Nebenbei bemerkt, diese Aussage ist sehr verräterisch. Entlarvt sie doch eine Gruppe von Menschen, die schon lange in einem Paralleluniversum leben – Politiker! Fredl Fesl hat einmal im Spaß gesagt:“Alle Menschen müssen sterben! Vielleicht sogar ich!“ Söder sagt nichts anderes. Wenn Japan „alles“ verändert, dann gehört er eigentlich dazu. Da er das aber seinem Empfinden nach nicht tut, muß er es  sagen! Ertappt!

oder:
„Brokdorf ist aus unserer Sicht ein gutes Kernkraftwerk. Aber Krümmel und Brunsbüttel sind anfällig. Brokdorf verlängern, aber Brunsbüttel und Krümmel abschalten.“ (Der Landesvorsitzende der FDP in SH im ARD-Morgenmagazin)*
und der Ministerpräsident von NS stellt sogar die Laufzeitverlängerung in Frage:

„Die Ereignisse in Japan haben gezeigt, dass der Begriff des Restrisikos erneut bewertet werden muss“, sagte McAllister am Montag in Berlin. Deshalb halte er es für sinnvoll, den schwarz-gelben Beschluss, die Laufzeit der Kernkraftwerke zu verlängern, vorerst auszusetzen. „Die Sicherheit der Menschen hat absolute Priorität“, so McAllister gegenüber dem NDR.

Sind das nun alles hohle Wahlkampflügen um im Vorfeld der Landtagswahlen in BW schon einmal den Schaden zu begrenzen, oder sind das tatsächlich späte Einsichten?
Die deutschen Kraftwerksbetreiber halten jedenfalls dagegen, was freilich niemand wundert. Ist so ein abgeschriebenes AKW doch eine Geldmaschine. Allerdings sind die Argumente nicht die Besten. So sagt der Präsident des deutschen Atomforums auf Tagesschau.de:

„Ich glaube nicht, dass aufgrund einer unglücklichen Verkettung zweier gewaltiger Naturereignisse in Japan ein für Deutschland langfristig richtiges und plausibles Konzept infrage gestellt werden sollte.“

Vermutlich konnte oder wollte sich in Japan das aktuelle Szenario auf Seiten der Atomlobby bis Freitag letzter Woche auch niemand vorstellen. Und was nützt eine kalkulierte Sicherheit für Erdbeben bis zu einer Stärke von 6 auf der Richterskala, wenn die Erde dann mit Stärke 9 bebt?
Es mochte sich bis 2001 auch niemand vorstellen, dass wahnsinnige Menschen mit Flugzeugen in Wolkenkratzer fliegen!
Das Unvorstellbare ist doch das eigentliche (Rest-)Risiko. Aber unsere deutschen AKWs sind nicht einmal gegen Flugzeugabstürze (seit 2001 vorstellbar) gesichert. Von „Banalitäten“ wie menschliches Versagen ganz zu schweigen. (s. Biblis 1987, oder Tschernobyl 1986)

Und wieder haben wir noch kein Wort über Endlagerung verloren.
Bleibt zu hoffen, dass die unvorstellbaren Opfer die gerade der japanischen Bevölkerung abverlangt werden, wenigstens dazu gut sind, den ganzen Atomfanatikern dieser Welt die Augen zu öffnen, und den Widerstand gegen blinden Glauben in einen nur vermeintlich sauberen Strom aus Kernenergie zu stärken.

Ob deutsche, bzw. europäische Kernkraftwerke letztlich besser und sicherer sind als japanische sei dahingestellt. Im Prinzip würde mir reichen, wenn (endlich?) ein Verantwortlicher sagen würde, daß man bei allem Nutzen die Technik, die Kernenergie nie wird zu 100 Prozent beherrschen können. Und 99,9 Prozent sind einfach zu wenig!

Zurück ins Funkhaus

Update:
Gerade zeichnet sich ab, dass die Kanzlerin die Laufzeitverlängerung aussetzt

* – Tagesschau.de
–  Laufzeitverlängerung
–  Biblis vor dem Aus
–  Laufzeitverlängerung 2
–  Die IPPNW  bezieht klar Stellung
–  Internes Papier des BMU vor dem Fukushima-Hintergrund

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