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Geschichten aus der Grube – OliT-Werkstattbericht Folge 197

Das entgegen einer weitverbreiteten Proletenweißheit eben nicht verliert wer bremst, dürfte hinlänglich bekannt sein. Bis nach Osteuropa hat sich dies allerdings noch nicht herumgesprochen.

Es ist Freitag, der 15. Januar 2010, als gegen ca. 10:30Uhr in der Serviceberatung einer offenburger Nutzfahrzeugwerkstatt das Telefon klingelt. Zu diesem Zeitpunkt ahnt keiner der anwesenden Serviceberater und Mechaniker, dass ihnen das Schicksal in den nächsten Stunden und Tagen übel mitspielen wird.
Am anderen Ende der Leitung ist der TÜV, der gewohnheitsmäßig nach einer Zahlungsgarantie für einen LKW-Kunden fragt. Ein schwäbischer LKW, unter osteuropäischer Flagge wurde von einem deutschen staatlichen Sicherheitsdienst (Polizei) einer Kontrolle unterzogen und hierzu beim TÜV in Offenburg vorgefahren. Für  Bußgeld und die Überprüfung durch die TÜV-Sachverständigen fallen Kosten an, die eventuell durch das europäische Zahlungsgarantienetz des schwäbischen Nutzfahrzeugherstellers beglichen werden könnten. An dem LKW sei die linke BremsscheibeBremsscheibe Actros gerissen und die Polizei habe dem Fahrer unter diesen Umständen die Weiterfahrt verweigert.
(Siehst Du! Wer bremst gewinnt nämlich, auch wenn’s nur eine Weiterfahrt ist. Verkehrssicherheit quasi Hilfsbegriff.) Natürlich übernehmen wir für irgendein (selbst schwäbisches) Auto, bzw. irgendeinen Kunden der beim TÜV steht erst mal gar nichts. Da könnte ja jeder kommen. Wenn der LKW allerdings zur Instandsetzung zu uns in die Werkstatt käme, es also einen offiziellen Werkstat-tauftrag gäbe, dann könne man durchaus über alles reden.
Ende des Gesprächs.

Einige Zeit später klingelt erneut das Serviceberatertelefon. Diesmal ist die Chefin des osteuropäischen Fuhrunternehmens dran. Was denn die Instandsetzung einer Bremsscheibe an einer Sattelzugmaschine (schwäbisch) vorne links kosten würde, will sie wissen. Einen Kostenvoranschlag erbittet sie sich via Fax. Natürlich wird sie von unserem Serviceberater darauf hingewiesen, dass Bremsscheiben immer nur paar- bzw. achsweise getauscht werden, schließlich kaufe man sich, körperliche Unversehrtheit einmal vorausgesetzt, ja auch Schuhe immer paarweise.
Sie habe den Mängelbericht der Polizei vorliegen, darin sei nur eine defekte Bremsscheibe links erwähnt, weshalb sie auch nur eine Bremsscheibe links wolle. Schließlich sei sie hier König Kunde und sie könne in Auftrag geben, was sie wolle. Und den Kostenvoranschlag per Fax, bitte!“

Circa 45 Minuten später klingelt das Telefon wieder. Die osteuropäische Fuhrunternehmerin fragt höflich nach einem Kostenvoranschlag für die Instandsetzung einer Bremsscheibe an einer Sattelzugmaschine vorne links.
Auf den Hinweis, dass sie diesen vor ca. 40min erhalten haben müsste, erwidert sie: „Oh! Stimmt. Da habe ich mich wohl verwählt.“ (Plumper geht’s nimmer, unser Preis blieb trotzdem stabil)

Gegen ca. 15:15Uhr schließlich rollt besagter LKW (schwäbisch) in Polizeibegleitung auf unseren Hof. Etwa zeitgleich klingelt wieder das Telefon. Frau Fuhrunternehmerin erteilt uns den Reparaturauftrag für die linke Bremsscheibe zum vorher gefaxten Preis.
Wir erbitten den Auftrag per Fax. Was auch prompt geschieht.
Leider hat die Überprüfung beim TÜV ergeben, dass auch der Reifen an der Vorderachse rechts so stark beschädigt ist, dass er ausgetauscht werden muss.

Es folgt unsererseits ein Anruf bei Frau Fuhrunternehmerin. Diese lässt verlauten, dass
wir da ja einfach das Ersatzrad vom Auflieger nehmen könnten. Sollte die Felge nicht passen, müssen wir ihn eben ummontieren, den Reifen. Den Kostenvoranschlag dafür per Fax.

Da es zwischenzeitlich Freitagnachmittag ist, es Fuhrunternehmer immer sehr eilig haben und der LKW auch noch randvoll beladen ist, fängt der Kollege aus der Werkstatt auch sofort an. Er beginnt mit der Demontage des rechten Vorderrades, um dieses dem örtlichen Reifenhändler mitzugeben, damit dieser g’schwind besagte Reifen ummontieren kann.

Jetzt nimmt die ganze Geschichte allmählich Fahrt auf. Nach der Demontage des rechten Vorderrades wird der Blick frei auf die Bremsanlage der rechten Seite. Die Bremsscheibe ist ebenfalls gerissen. (Warum das der TÜV nicht gesehen hat bleibt sein Geheimnis, es sei ihm aber unterstellt, dass er wohl davon ausgegangen ist, dass sowieso beide Bremsscheiben ausgetauscht werden, schließlich kauft man ja, körperliche Unversehrtheit…
Darum hat er wohl auf die Überprüfung rechts verzichtet. Oder man konnte es eben einfach nicht richtig erkennen).

Frau Fuhrunternehmerin hingegen vermutet natürlich sofort eine „Verkaufsshow“ unsererseits und reicht Ihren Telefonhörer an ihren Rechtsanwalt weiter. Dieser erklärt unserem Serviceberater kurz die Rechtslage und beendet das Gespräch. Die Polizei, unterdessen ebenfalls über die desolate Bremse rechts im Bilde, fertigt einen neuen Mängelbericht an, worauf unser Serviceberater wieder den Anwalt anruft und ihm kurz die Sachlage erklärt.
Der Anwalt immerhin zeigt sich einsichtig.

Zwischenzeitlich ist es kurz vor 18:00Uhr, der LKW (schwäbisch) steht immer noch nicht fahrbereit in der Werkstatt als das ummontierte rechte Vorderrad eintrifft. Immerhin.

Gegen ca. 18:20Uhr klingelt erneut das Telefon. Die Fuhrunternehmerin kündigt an, den kompletten Reparaturauftrag zu stornieren, was wir auch in Kürze per Fax bestätigt bekommen würden. Zeugen der Tragödie behaupteten später, dass man unseren Serviceberater auch ohne Telefon in Osteuropa gut hätte hören können. Und den Reifen könnten wir auch wieder „zurückbauen“. Unentgeldlich versteht sich. Stattdessen würden morgen, Samstag 16.01.2010 ihre eigenen Leute kommen und den Wagen reparieren. Gleichzeitig stellte sie den von uns bis dahin geforderten Geldbetrag in Frage, weil eine Stunde in unserer Werkstatt schließlich 85€ kosten würde. Woher sie diese Information hat? Wer weiß. Tatsächlich rechnen wir nach AW ab und nicht nach Stunden.

Die zwei Fahrer übernachteten bei uns im Hof, auch von Samstag auf Sonntag und von Sonntag auf Montag. Samstag geschah nämlich nichts.

Am gestrigen Montag rückten dann tatsächlich zwei Mann in einem Transporter an, und begannen auf unserem Waschplatz (im Freien) den LKW zu reparieren. Wir ließen zeitgleich, den Reifen wieder von der Felge montieren, brachten also alles wieder in den Ausgangszustand.

Etwa gegen 12 Uhr trudelt ein Fax ein, in dem uns die Dame um einen Kostenvoranschlag  für das Ummontieren eines Reifens bittet….

„Niemand hat die Absicht eine Mauer zu bauen“ – Schade eigentlich!

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1 Kommentar

  1. Die Frage ist doch, was hat sich der Dicke aus Oggersheim dabei gedacht, die Mauer abzureißen???

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